München und die Sehnsucht, weiß zu sein

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Originally published on Carta on July 27, 2016.
Translated from the English original, which can be found here.

Warum flehte uns der Münchener Amokläufer an, ihn als Deutschen zu betrachten?

Around and around we go.

Vergangenes Wochenende führte ein achtzehnjähriger Mann, der in Deutschland geboren wurde und aufgewachsen war und einen iranischen Migrationshintergrund hat, einen Amoklauf in München durch. Während des Amoks schrie er „Ich bin Deutscher!“, klagte über jahrelanges Mobbing, machte Berichten zufolge abfällige Bemerkungen über Türk_innen – und tötete schließlich zehn Menschen, einschließlich sich selbst.

Der Täter war von Massenschießereien/Massenmorden fasziniert und sein Zimmer war voll mit Dokumenten zu Amokläufen an Schulen. Die Polizei sagte, dass eine „offensichtliche Verbindung“ zwischen dem Todesschützen und dem norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik bestehen würde, der im Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen ermordete. Breivik war ein Verfechter weißer Vorherrschaft, der mit seinen Morden norwegischen Multikulturalismus angreifen wollte.

Anscheinend fühlte er sich von seiner rechten, gegen Migranten gerichteten, anti-muslimischen Rhetorik angezogen, was sich darin zeigte, dass Berichten zufolge unter den neun Menschen, die er tötete, drei Türken, drei Kosovaren und ein Grieche waren. Zudem war er scheinbar vor Kurzem vom shiitischen Islam zum Christentum konvertiert.

Und dennoch wurde ausgerechnet die Tatsache, dass dieser Junge einen iranischen Hintergrund hatte, zur Schlagzeile in den US-Medien. Die üblichen Verdächtigen forderten sogar, dass führende Muslime und der ganze Islam für seine Tat zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

Verstörend ist, dass gerade während des Gewaltausbruchs ein Zeuge „Scheiß Ausländer“ in Richtung des Schützen schrie – als ob eine Beschimpfung die Situation beruhigen würde.

Anstelle einer Diskussion über die Gewalt im Westen, über Männlichkeitsbilder und Waffenkultur, über Mobbing in Schulen, insbesondere jenes, das sich gegen Kinder von Einwander_innen richtet, will man über den Islam reden. Wieso wird nicht gefragt:

  • Wie konnte ein junger Mann sich so gedemütigt und angegriffen fühlen, dass er das Bedürfnis verspürte, sein Deutsch-Sein zu betonen, während er dabei war, Menschen zu töten?
  • Was bringt Mobbingopfer so weit, dass sie selbst schreckliche Gewaltakte ausüben?
  • Welche Auswirkungen haben das Klima rassistischer Intoleranz und die zunehmende Bedeutung migrationsfeindlicher rechter Bewegungen in Europa und den USA auf Einwanderer_innen der zweiten Generation?
  • Warum werden 98 Prozent der Massaker von Männern ausgetragen?

 

Statt sich ernsthaft mit Fragen wie diesen auseinanderzusetzen, wird lieber darüber diskutiert, ob er Verbindungen zu ISIS hatte oder nicht.

Es scheint viel einfacher, beschuldigend nach Syrien oder in den Irak zu blicken, als zu untersuchen, welche Faktoren in unseren Gesellschaften solche Vorfälle verursachen. Machen wir uns nichts vor: Diese Gewalt ist ein Produkt unserer eigenen Gesellschaft.

Abgesehen von diesen Fragen kommt ein anderes Grundproblem auf: eines, das auf die Komplexität der Identität von Einwanderer_innen der zweiten Generation verweist, besonders auf solche aus dem Iran. Es scheint, dass der Täter von Schriften rechtsgerichteter, islamophober europäischer Extremisten beeinflusst wurde und dass sein Hass sich generell gegen Einwander_innen und insbesondere gegen türkische Einwander_innen richtete.

Viele fragen nun, wie ein Kind iranischer Einwander_innen von rechtem, weißem Nationalismus schwärmen (besser „eingenommen werden“) konnte. Absolute Gewissheit gibt es nicht. Dennoch kann man über die möglichen Gründe für das Entstehen solch einer Ideologie oder zumindest einer Sympathie für sie nachdenken.

Einige Iraner_innen – besonders solche in der Diaspora – haben sich der „arischen“ Rassentheorie verschrieben, die von europäischen Denkern des frühen 20. Jahrhunderts verbreitet wurde. Diese vermischt sich mit ihrem Unmut gegenüber der Regierung des Iran, was oft in eine rabiate Islamophobie umschlägt, da nicht zwischen den Taten (besser: „Handlungen“) der iranischen Regierung und dem Islam generell („an sich“) unterschieden wird. Das Resultat: Eine widerwärtige und pseudo-wissenschaftliche Rassentheorie, in der Iraner_innen als „arische Brüder/Schwestern“ betrachtet werden.

Die Annahme dieser abstrusen Ideologie ist im Grunde der Versuch von Iraner_innen in der Diaspora, sich zu assimilieren, sich von anderen Einwander_innen abzuheben, und sich als Europa und dem Weiß-Sein so nahestehend wie möglich zu deklarieren.

Diese Haltung ist recht gewöhnlich in nächtlichen Chat-Foren, die hauptsächlich von jungen männlichen iranischen Teenagern in der Diaspora genutzt werden. Ich weiß das, weil ich selber als iranischer Amerikaner hin und wieder mit diesen Thesen konfrontiert wurde und mir die größte Mühe gegeben habe, sie zu entkräften.

Diese Haltung wurde in Europa weitgehend fallen gelassen, nachdem sie durch Hitler im Holocaust Anwendung gefunden hatte. Dennoch hat die Idee, wonach Inder_innen, Iraner_innen und Europäer_innen eine genetische arische Herkunft teilen, welche sie generell als Kategorie von den „gemischtrassigen“ Türk_innen, Araber_innen und „Muslim_innen“ unterscheidet, immer noch eine gewisse Anhängerschaft.

Der rechte europäische Extremismus überlappt sich perfekt mit dieser Ariertheorie, was seine offene und brachiale Islamophobie angeht, in dem Hass auf den Islam, auf Araber_innen, Türk_innen und auf alle anderen, die nicht in die „arische Theorie“ passen und in eine widerliche rassistische Mühle gepresst werden.

Dies ist ein Weckruf an die iranische Diaspora: Schluss mit den pseudo-wissenschaftlichen Rassentheorien; Schluss mit der als Kritik an der iranischen Regierung getarnten Islamophobie; Schluss mit den Versuchen, sich zu assimilieren, indem wir uns darum bemühen, unser Weiß-Sein mit allen Mitteln zu beweisen.

Aber es ist auch, wie ich zuvor schon erwähnte, ein Weckruf an uns alle – darüber, wie wir über Gewalt nachdenken, darüber, wie wir über Männlichkeit denken und darüber, wie wir über Identität denken.

Welche Umstände treiben einen jungen Mann dazu, sich einer Theorie rassischer Überlegenheit anzuschließen und Zuschauer_innen eines Massakers, das er anrichtet, anzuflehen, ihn als Deutschen und nicht als Ausländer zu betrachten?

 

Anmerkungen zur Übersetzung: Der Autor bezieht sich bei seiner Analyse der iranischen Diaspora vornehmlich auf Diskurse, die im anglo-amerikanischen Raum vorherrschen. Ein unkritischer Bezug zum „Ariersein kommt bei den in Deutschland lebenden Exiliraner_innen nicht so häufig vor, da die Auseinandersetzung mit dem Holocaust viel präsenter ist. Dennoch ist ein starke Abgrenzung zu anderen Communities aus West-Asien festzustellen, die von einem unterschwelligen Überlegenheitsgefühl geprägt ist.

 

Dieser Text wurde in der englischen Originalversion am 24. Juli 2016 auf dem Blog Hummus for Thought veröffentlicht und für CARTA leicht aktualisiert.

Übersetzung: Alex Belaew